Moleküle mit eingebauter
Zwiespältigkeit - hydrophil/hydrophob-Amphiphilie - also mit wasserfreundlichen und
wasserunfreundlichen Molekülteilen orientieren sich dementsprechend, dass
polare (hydrophile) und unpolare (hydrophobe = lipophile) Teile sich nach
Möglichkeit und entgegen dem Bestreben der Entropie zusammenlagern oder
Stellen aufsuchen, die beiden Bedürfnissen gerecht werden. Solche Stellen
können Oberflächen sein (die als Grenzflächen zum wechselwirkungsarmen Bereich
zumindest keine abstoßenden Kräfte ausüben) oder Grenzflächen zu einer anderen
kondensierten Phasen mit für einen Molekülteil besser passender
Grenzflächenenergie. Bei fehlenden Grenzflächen bzw. genügender Konzentration
(und geeigneter Konstitution) können sich diese Moleküle durch
Zusammenlagerung selbst organisieren und Micellen*, Liposomen, Vesikel**,
röhrenförmige, lamellare und andere Strukturen bilden (allg.
Assoziationskolloide). Die Selbstorganisation ist eine überaus
bedeutendes Verhalten. Man nimmt an, dass für die Ursprünge des Lebens eine so
bewirkte Trennung von Innenwelt und Außenwelt - zu ersten, einfachen Zellen -
notwendig war. Für Methoden der Nano-Technologie ist bedeutend, dass die
Größenverteilung in einer mizellaren Lösung ziemlich gleich ist (homogen
Monodispers) wodurch definierte Räume, z.B. als Bildungsmatrizen für den
Aufbau anderer Moleküle oder Strukturen, vorliegen. Als Waschmittelrohstoffe (Tenside,
Detergenzien), Emulgatoren, Dispersionsmittel, Katalysatoren
(Phasen-Transfer-) Netzmittel, Verträglichkeitsvermittler, Antistatika in
Kunststoffen, (Zell-)Membranbausteine u.s.w. haben grenzflächenaktive
Substanzen eine herausragende Bedeutung.
*Micellen: (kolloidische)
kugelförmige Zusammenballung von 20 bis 30 000 Molekülen. Für Na-Dodecylsulfat
-Mizellen in Wasser wird die Zahl 70 angegeben. Typischerweise entspricht der
Radius kugelförmiger Mizellen der statistische geknäulten Länge des Moleküls.
Die Größenverteilung der Mizellen ist normalerweise nahezu Monodispers.
Mizellen und Monomere stehen in einem dynamischen Gleichgewicht. Bildungs- und
Zerfallsgeschwindigkeites sind im Millisekunden-Bereich. Mizellen rotieren mit
einer Frequenz in der Größenordnung von Nanosekunden. findet man Angaben wie
Die Bildungsgeschwindigkeit
**Vesikel: Begriff aus der Zytologie, bläschenförmige protoplasmatische
Struktur mit einfacher Membran.
Die vordergründige Wirkung der
Tenside besteht darin, in wässriger Lösung die Oberflächenspannung
(Grenzflächenspannung) herabzusetzen. Aus diesem Grund ist die Tensiometrie
ein besonders geeignetes Mittel zur Untersuchung und Charakterisierung dieser
Stoffe über ihre Wirkung. Grenzflächenaktiven Substanzen
(auch Kunstwort Surfactants = surface active agents)
haben typischerweise also einen zwittrigen Aufbau - d.h. Tensid oder Detergenz- Struktur. Der polare
Teil (Kopf) der Moleküle kann je nach dem aus Carboxyl(at) (Fettsäuren,
oder Salze), Hydroxyl (höhere Alkohole), Sulfon-, Sulfat-, Ammonium-, Amino-, Amid-, Strukturen
und aus Kombinationen Polyether-Alkohol, Betaine etc. gebildet werden.
Funktionelle Gruppen, also, die insbesondere Wasserstoff-Brücken bilden. Der lipophile
Teil (Schwanz) kann in steigender Wirksamkeit aus Kohlenwasserstoff-,
Dimethylsilikon-, (Per-) Fluorkohlenstoffketten aufgebaut sein.
Thermodynamik bis zum "CMC"
Fügt man man in kleinen Dosierungen "Tensid" einer Wasserprobe zu und misst
dazu die Oberflächenspannung und trägt diese in einem Diagramm gegen die
Tensidkonzentration an, kann man ein Wirkungs-Zusammenhang, wie in dem
folgenden Diagramm erhalten:

Diagramm 2.3.1:
Konzentrationsabhängigkeit der Oberflächenspannung. Der Zusammenhang ist
stetig, doch nicht linear.
(IMETER-Messung, Tensid: POLYDOCANOL, THESIT)
Die Substanz ist also sehr
wirksam: 0.01g/L, entspricht 10mg pro Liter Wasser, verringert in diesem Fall
die Oberflächenspannung bereits um 30mN/m.
(Der
Messauflösung eines Tensiometers mit 0.01mN/m entspricht - in diesem Fall und
Bereich - einem auflösbarer Konzentrationsunterschied von 3·10-6
g/L also 3µg/L bzw. 3mg pro Tonne)
Thermodynamisch behandelt man die Grenzfläche als Zwischenraum über den die
Konzentration des Tensids sich sprunghaft ändert (Gibbs Dividing Surface).
Die freie Enthalpie (G) eines zweiphasigen Systems
besteht aus der Summe der Enthalpien der beiden Phasen (I und II)
G=GI+GII
Die Anreicherung von Komponenten in der Grenzfläche
führt dazu, dass
G > GI+GII
… die gesamte freie Enthalpie größer ist, als diejenige,
die sich aus der jeweiligen Verteilung der Komponente (j) auf die beiden
Phasen ergibt – weil sich ein Teil in der Grenzfläche (A) anreichert.
G = GI+GII + GA
(GA: freie Oberflächenenthalpie)
Die Summe der Tensid-Teilchen (nj) ist
entsprechend auf die Phasen verteilt:
nj = njI + njII
+ njA in der Oberfläche also njA
= nj – (njI + njII)
Die auf das Ausmaß der Oberfläche (A)
bezogene Menge njA ist der konstruierte Größe "Oberflächenüberschuss" (G),
auch Oberflächenexzess genannt.
Gj =
njA / A
Die Fundamentalgleichung der chemischen Thermodynamik
(mit Oberflächenterm):

isotherm (dT=0), isobar (dp=0) und
im Gleichgewicht sind die chemischen Potentiale (µ)
einer Komponente (j) in allen Phasen Gleich (und dGA
= dG - dGI - dGII):

Die Oberfläche (A) ändert sich nicht (dA=0) und nicht die
Teilchenzahl (dnjA=0):

Bei konstant Druck, Temperatur und Oberfläche ändert sich die freie Enthalpie nur mit der Zusammensetzung,
die aber, wenn als konstant angesehen, wird zu dGA= 0.
mit (Gj
= njA / A):

dg ist der
Abfall der Oberflächenspannung mit der Zunahme der Tensidkonzentration
(Exzess) in der Oberfläche. Die Änderung der Oberflächenspannung entspricht
der Änderung der Oberflächenkonzentration
Im Beispiel mit nur einem Zusatzstoff:

Mit dem chemischen Potential µ (Konzentration [Cj]
» Aktivität (aj) bei
verdünnten Lösungen),

folgt:

G entspricht
Geradensteigung, er also bezüglich der Konzentration ein logarithmischer
Zusammenhang zugrunde liegen muss. - Das Diagramm 2.3.1 zeigte den ersten Teil
einer CMC-Messung, wobei die X-Achse nicht-logarithmiert ist. Die Messung
wurde weitergeführt und entsprechend Diagramm 2.3.2 auf logarithmischer
X-Achse dargestellt:

Diagramm
2.3.2: CMC
Bestimmung (Differenzial-CMC mit IMETER) aus der Konzentrationsabhängigkeit der
Oberflächenspannung. IMETER misst Daten und erzeugt dieses Diagramm
automatisch. Die roten Marken stellen die Messwerte dar. Die grüne Linie ist
der dazu gebildete Differenzenquotient - gibt also den anfangs ziemlich konstanten Wert
von G
wieder. In zahlreichen Messungen hat sich gezeigt, dass der Nulldurchgang des
Quotienten von der Verfahrensgeschwindigkeit der Messung am wenigsten gestört
wird. Der senkrechte, graue, Balken markiert den CMC-Wert und die beiden blau
markierten Bereiche sind der logarithmisch lineare Adsorptionsbereich (links)
und der Sättigungsbereich (rechts).
[ (Tensid:
(Wz.) POLYDOCANOL, THESIT, Lubrol PX, chemisch
Dodecylpoly(ethylene-glycolether)n M»583g/Mol]
Wie im Diagramm gezeigt kommt es
ab etwa 0.025g/L zu einer Veränderung von G,
bei ca. 0.05g/L tritt G=0 ein. Die
Veränderung von G zeigt an, dass ab
gewissen Konzentrationen sich die Aktivität (Konzentration) bzw.
Teilchenzahl-Konzentrationsproportion ändert (Teilchenzahl ist nicht der
Molzahl gleichzusetzen).
Die Tensidkonzentration bei dem Knick
bezeichnet man also als die kritische Mizellenkonzentration (cmc, CMC,
c.m.c.).
Ab dieser Konzentration liegen Aggregate - "Mizellen" - die sich im
dynamischen Gleichgewicht mit den Monomeren befinden.
Der cmc-Wert wird nach der
klassischen Methode aus dem Verlauf durch den Schnittpunkt der extrapolierten
Geraden aus dem Adsorptionsbereich und Sättigungsbereich berechnet. Dieses
traditionelle Verfahren ist unsicher (vgl.
Beispiel gealtertes Alkylsulfat - bei dem die Extrapolation unsinnig ist)
Diagramm 2.3.4:
IMETER Diagramm-vergleich:
Adsorptionsmessung
durch Verschiebung der CMC: Messung ohne Zusatz (rot), mit 12 Gew.‑%
Quarzsand (blau) und mit 3% Silicagel (grün). Das Silicagel adsorbiert
größere Tensidmengen aus der Lösung, so dass dadurch die CMC (senkrechte
Linie) zu doppelter Konzentration verschoben wird.
Mit der Kinetik der Adsorption sind instationäre Diffusionsvorgänge verbunden
(Gleichung von Ward und Tordai), die Adsorptionsvorgänge finden eine genauere
Behandlung in den Ansätzen von Langmuir (auch Frumkin). Die Interaktion an
Oberflächen ist nur ein Spezialfall der Grenzflächenbetrachtung, die Anreicherung an festen oder flüssigen Grenzflächen
sind nicht prinzipiell verschiedne Vorgänge.
Die Veränderung der Oberflächenspannung erfolgt durch grenzflächeninaktive
Stoffe (z.B. anorganische Salze) derart, dass die Oberflächenspannung mit der
Zugabe auch ansteigen kann. Signifikante Sprünge im Verlauf der
Kohäsionsenergiedichte, um einmal ein anderes Wort zu verwenden, mit der
Konzentration treten bei gleitenden Zuständen der Lösungseigenschaften
natürlich nicht auf.
Lösungsmittel
Diagramm 2.3.5:
IMETER Diagramm-vergleich:
Dosierung von 2-Propanol (blau) und Aceton (rot) in Wasser (bis
12%): 2‑Propanol ist zur Herabsetzung der Oberflächenspannung wirksamer.